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Volle Power beim Klassentreffen der Branche

Mehr als 250 Mitglieder der Wertschöpfungskette und ein reichhaltiges Programm machten die 35. Dresdner Verpackungstagung am 4. und 5. Dezember 2025 zu einem kraftvollen Jahresabschluss für die versammelte Branche. Mit ausgesuchten Expertinnen und Experten ging es unter dem Motto "Wunsch, Wirklichkeit, Wege nach vorn" in fünf Blöcken um den Status Quo und beste Wege rund um die PPWR, um Rezyklat und die Zukunft von Kunststoff, um das Potential alternativer Fasern, um Innovation bei Glas und das Thema Mehrweg sowie um den richtigen Umgang mit Green Claims. Wir bedanken uns für den großartigen Zuspruch, das tolle Feedback und wünscht allen Branchenmitgliedern, dass der Erfolg der Tagung ein Zeichen für 2026 ist.

Vom Hersteller von Packstoffen und Packmitteln über Markenartikler und Handel bis hin zu Maschinenbau, technische Lieferanten, Recycler, Wissenschaft und studierendem Nachwuchs – die Dresdner Verpackungstagung machte auch in ihrer 35-jährigen Jubiläumsausgabe ihrem Ruf als Zukunftsforum und Klassentreffen der Branche alle Ehre. Am Ende konnten unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht nur einen substanziellen Wissensgewinn verbuchen, sondern auch ihrem Netzwerk neue Kraft verleihen. Eine Onlineumfrage zum Abschluss der Tagung hat gezeigt, dass mehr als die Hälfte 5 bis 10 Kontakte auffrischen oder neu kennenlernen konnten, rund 20 Prozent kamen sogar auf 10 bis 20 Kontakte und die aktivsten 10 Prozent auf mehr als 20 Anknüpfungspunkte entlang der Wertschöpfungskette.

PPWR-Talk: Jetzt wird’s konkret

PPWR-Talk Jetzt wird’s konkret - Natalie Brandenburg, Lorenz Dobiaschowski, Lydia Tempel, Dr. Martin Engelmann, Dagmar Glatz, Robin Huesmann

Herausforderungen verstehen, Lösungen gestalten: Zum Einstieg in die 35. Dresdner Verpackungstagung wurde es gleich komplex – und konkret. Im PPWR-Talk ging es um Rollen und Pflichten für Unternehmen, um Konformitätsarbeit und technische Dokumentation sowie das Thema Recyclingfähigkeit und Normung. Als Querschnittsthema thematisierten die Expertinnen und Experten auf dem Podium gemeinsam mit dem Auditorium jeweils konkrete Erfahrungen und beste Wege aus Sicht der Praxis.

Dr. Martin Engelmann, Hauptgeschäftsführer der IK Industrievereinigung Kunststoffverpackungen e. V. und Lorenz Dobiaschowski, Leitung Verpackungsentwicklungsteam von Develey Senf & Feinkost

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Rollen und Pflichten

Dr. Martin Engelmann, Hauptgeschäftsführer der IK Industrievereinigung Kunststoffverpackungen e. V., führte äußerst sachkundig in das Thema ein. Er legte dar, dass die am 12. August 2026 in Kraft tretende PPWR die Rollen und die damit verbundenen Pflichten für Unternehmen zum Teil erheblich aber nicht immer offensichtlich verändert. Dazu komme, dass sich das „komplexe Konstrukt“ der Rollen und Pflichten durch die PPWR selbst nicht erklärt und bis jetzt weder die EU-Kommission noch die Zentrale Stelle Verpackungsregister (ZSVR) Klarstellungen, Leitlinien oder FAQ zur Verfügung stellen. Bislang gebe es nur die Informationen, die einzelne Verbände bereitstellen. Die Hauptlast der Interpretationen in Bezug auf Rollen und Pflichten für Unternehmen werde in Zukunft bei Stellen wie dem ZSVR liegen, die für jedes Land vorgesehen ist.

Lorenz Dobiaschowski, Leitung Verpackungsentwicklungsteam von Develey Senf & Feinkost, wies darauf hin, dass man als Unternehmen durchaus verschiedene Rollen einnehmen muss, wenn man beispielsweise als Erzeuger ein Produkt in Polen herstellt, es aber als Vertreiber bzw. Hersteller in anderen Ländern der EU auf den Markt bringt. „Man muss das auf Artikelebene herunterbrechen. Das ist eine große Herausforderung. Jedes Unternehmen muss das für sich herunterbrechen und klären. Dazu gehört bei uns auch ein internationales PPWR-Impact-Team, das einen Leitfaden spezifisch für unser Unternehmen und inklusive aller Sonderfälle aufsetzt.“ Der Teufel stecke dabei im Detail, wenn beispielsweise ein Bezug aus nicht-EU-Ländern stattfinde, das Produkt für den „Endmarkt“ jedoch mit einem Aufkleber in neuer Sprache versehen werde, was dann Einfluss auf Rolle und Pflichten des Unternehmens habe.

Dagmar Glatz, Teamverantwortliche ökologische Zukunftsfähigkeit von dm-drogerie markt Deutschland

Konformitätsarbeit und technische Dokumentation

Schnell wurde klar, dass Konformitätsarbeit und technische Dokumentation für Unternehmen erhebliche Aufwände generieren und eine penible Vorbereitung nötig machen. Dagmar Glatz, Teamverantwortliche ökologische Zukunftsfähigkeit von dm-drogerie markt Deutschland, erläuterte das Thema den Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehr klar und fassbar. Sie wies dabei auch auf darauf hin, dass all die Berichtspflichten und die dafür nötige Datenerhebung einen erheblichen IT-Aufwand mit sich bringen und das einen erheblichen und eigentlich unerwünschten negativen Effekt auf die CO2-Bilanz habe. „Das ist nicht zielführend“, so Glatz.

Bei dm suche man Wege für standardisierte Datenerhebung und Datenübertragung für seine Herstellerpartner, die in vielen Fällen auch für andere Kunden herstellen. Zur Bewältigung der komplexen Aufgabe müssen man nicht nur die Schnittstelle Industrie-Handel denken, sondern auch darüber hinaus. „Da arbeiten wir mit allen Stakeholdern und schauen, wo es schon Lösungen gibt, auch aus anderen Branchen, beispielsweise bei maschinellen Ausleseprozessen, um Daten aus Dokumenten zu ziehen und zu erschließen“, so Glatz. Als Nachteil zeige sich dabei, dass die Digitalisierungsrate in unserer Branche bei schätzungsweise gerade einmal 10 Prozent liege.

„Auch wir erwarten nicht viel mehr Klarheit aus Brüssel. Aktuell müssen wir uns das alles selbst erarbeiten“, so Dagmar Glatz, die in der Folge konkret aufzeigte, wie sich effiziente Prozesse über Standardisierung und Automatisierung gestalten lassen. Zu den Leitfragen gehörten dabei unter anderem: Welche Attribute braucht man? Wie kann man den Prozess organisieren, wenn beispielsweise im Fall von Rezepturen sensible und geschützte Daten betroffen sind? Und wie baut man die Datenbereitstellung auf?

Lydia Tempel, Geschäftsbereichsleiterin Smart & Circular Solutions des PTS Institut für Fasern & Papier und  Robin Huesmann, Chief Information & Innovation Officer der Leipa Group

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Recyclingfähigkeit​ und Normung

Detailreiche und spannende Informationen aus erster Hand in das laufende Normungsverfahren des Europäischen Komitees für Normung (CEN) zur Recyclingfähigkeit von PPK gab es von Lydia Tempel, Geschäftsbereichsleiterin Smart & Circular Solutions des PTS Institut für Fasern & Papier. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung bekamen unter anderem Einblicke in die Evaluation der Recyclingfähigkeit, der Erstellung von Technischen Spezifikationen zu Design for Recycling und der Methodik zur Berechnung der vorgesehenen Leistungsstufen (Performance Grades A, B und C).

So geht es beispielsweise bei der Bewertung der Recyclingfähigkeit sowohl um die „Recyclingorientierte Gestaltung“ an sich (Was sind separate und integrierte Bestandteile der Verpackung? Welche Designmerkmale können die Sortierung oder den Recyclingprozess stören? Welcher Anteil wird recycelt und substituiert Primärrohstoff?), aber auch um das „Recycling at scale“ (Wird eine Verpackung tatsächlich recycelt? Ist eine Sortier- und Verwertungsinfrastruktur vorhanden? Wo wird die Verpackung gesammelt? In welche Fraktionen wird die Verpackung sortiert? Ist die Kapazität ausreichend?).

Schnell wurde klar, wie komplex die Normungsaufgabe angesichts sehr unterschiedlicher Voraussetzungen in den unterschiedlichen Ländern der EU ist. Der finale Rat von Lydia Tempel an das Auditorium: „Man muss sich gut vernetzen und man muss seine Mitarbeiter gut schulen. Aber man muss auch Ruhe bewahren. Es gibt auch viele falsche Meldungen und viel falsch Verstandenes.“

Robin Huesmann, Chief Information & Innovation Officer der Leipa Group betonte in der Folge einige grundsätzliche Parameter hin. So gelte es, noch besser und konsequenter schädliche Komponenten zu vermeiden. Mit Blick auf das ab dem 12. August 2026 geltende Verbot von PFAS wies Huesmann darauf hin, dass hier auch kein Lagerabverkauf erlaubt sein. Seiner Meinung nach dürfe die Branche mit Blick auf Recyclingfähigkeit, Normung und Nachhaltigkeit „die Leistungsfähigkeit und Funktionalität der Verpackung nicht überreizen. Genug ist genug“.

Otto Hefner und Stavros Kyriakidis - Founder pyx.ai

Material Compliance: In Seconds. Not Hours.

Den Abschluss des ersten Themenblocks bildete die Vorstellung einer Softwarelösung von Pyx.ai durch die beiden Gründer Stavros Kyriakidis und Otto Hefner. Über das KI-gestützte Tool lassen beliebig viele Dokumente mit unterschiedlichen Formaten, Strukturen, Gliederungen und Informationen strukturieren und erschließen. Gerade mit Blick auf die umfassenden und anspruchsvollen Datenanforderungen durch die vielen Regulierungen wurde die Lösung mit großem Interesse aufgenommen.

„Bislang ist das meist ein extrem zeitraubender Prozess. Nichts ist standardisiert oder harmonisiert. Dann gibt es ständig neue Einschätzungen, Verbote, regulatorische Anpassungen, die es erforderlich machen, ständig neu händisch zu checken und zu bewerten. Und das auch noch in Bezug auf unterschiedliche Materialien und je nach den Anforderungen unterschiedlicher Regionen und Märkte“, so Stavros Kyriakidis. „Über unser Tool werden die relevanten Informationen gefunden und in ein strukturiertes Format überführt“, so Hefner. Auch die Anbindung in ERP-Systeme sei problemlos möglich.

Die Zukunft des Kunststoffs - Wunsch und Wirklichkeit beim Kunststoffrecycling

Wunsch und Wirklichkeit sind nicht immer die besten Freunde. Das gilt speziell auch für das Thema Rezyklat, wo die Widersprüche zum Teil existenzielle Ausmaße annehmen. So klafft zwischen den anstehenden Quoten und Herausforderungen durch die PPWR und der bedrohlichen wirtschaftlichen Situation für Recyclern und mit Blick auf die Versorgungssicherheit eine enorme Lücke.

Die Dresdner Verpackungstagung nahm deshalb eine Bestandsaufnahme vor und diskutierte mit Expertinnen und Experten von Recyclern, Markenartiklern und der Politik, was die Akteure entlang der Lieferkette heute wissen und verstehen müssen, um morgen handlungsfähig zu sein, wie aktuelle Studien den Status Quo und das Potenzial von chemischem und mechanischem Recycling bewerten, wie sich Best und Worst Cases mit Blick auf die Versorgung mit Post Consumer Rezyklat (PCR) darstellen und wie man als Brandowner für den sicheren und zuverlässigen Einsatz von PCR sorgen kann.

Markus Börger, Geschäftsführer von GRANNEX

Was Lieferketten heute verstehen müssen, um morgen handlungsfähig zu sein

Markus Börger, Geschäftsführer von GRANNEX, das seit 1992 hochwertige Rezyklate produziert und branchenübergreifend an die internationale, kunststoffverarbeitende Industrie liefert, zeichnete ein eindringliches Bild der aktuellen Situation. „Wir haben in Europa eine der am weitest entwickelten Industrien. Es gibt allerdings im Moment einen Tod auf Raten, gerade mit Blick auf den Mittelstand.“

Es brauche dringend ein Level Playing Field. Börger zeigte eine Vielzahl von systemischen und strukturellen Herausforderungen auf, die es zu bewältigen gilt. Dabei müsse klar sein, dass Kunststoffrecycling und der Aufbau von Rezyklatlieferketten Zeit und Geld kosten. Und man dürfe keine Zeit verlieren.

„Wir können die Kunststoffkreisläufe schließen. Nicht immer gelingt uns das zu 100 Prozent. Es gibt auch Rückschläge. Aber wenn Rezyklate nachgefragt werden, dann schafft die Industrie ein wettbewerbsfähiges Angebot.“ Wichtig seien „Lösungen, die jetzt Druck aus dem Kessel nehmen. Wir brauchen jetzt Planbarkeit. Ich muss wissen, dass das, was ich jetzt aufbaue, sich in fünf Jahren auch rechnet.“ Börger nannte mit IKEA, Werner & Mertz und Hilti auch Positivbeispiele von Unternehmen, die aktiv vorangehen. „Da, wo Bereitschaft und Einsicht ist, ist auch Wille da, zu investieren“, so der Grannex-Geschäftsführer.

Dr. Julia Vogel, Fachgebietsleiterin III 2.4 "Abfalltechnik, Abfalltechniktransfer", beim Umweltbundesamt (UBA)

Bewertung und Zukunftspotentiale von chemischem Recycling und mechanischem Recycling

Dr. Julia Vogel, Fachgebietsleiterin III 2.4 "Abfalltechnik, Abfalltechniktransfer", beim Umweltbundesamt (UBA) stellte zu Beginn ihres Vortrags die unterschiedlichen Arten des chemischen Recyclings vor und welche Grenzen das UBA zieht. Ein Beispiel: „Wenn ich Treibstoff herstelle, ist das für uns Verbrennung und nicht Recycling“, so Vogel. Die Fachgebietsleiterin ging in der Folge auf Prognosen aus der Vergangenheit ein, die für 2025 1,2 Million Tonnen Rezyklat aus chemischem Recycling vorhergesagt hatten. Tatsächlich aber belaufe sich der Output auf gerade einmal 100.000 Tonnen. Auch die aktuelle Situation gebe wenig Anlass zu mehr Optimismus in dieser Hinsicht: „Ganz viele Projekte werden eingestellt oder erst gar nicht gebaut“. Auch beim mechanischen Recycling gebe es „Hiobsbotschaften von Recyclern, die da einfach nicht weiterarbeiten“.

Vogel stellte in der Folge die „Nutzenkorbmethode“ vor, über die im Rahmen einer Studie chemisches Recycling, mechanisches Recycling und energetische Verwertung verglichen wurden. Im Ergebnis zeigen sich „signifikante Nachteile des chemischen Recyclings gegenüber dem mechanischen Recycling, geringfügige Nachteile gegenüber der energetischen Verwertung im Zementwerk und Vorteile gegenüber der energetischen Verwertung in Müllverbrennungsanlagen.“

Die Studie zeige klar, dass mechanisches Recycling zu bevorzugen sei, wo das möglich ist. Das chemische Recycling könne jedoch eine Ergänzung zum mechanischen Recycling und zur energetischen Verwertung sein, insbesondere zukünftig, wenn H2 und erneuerbare Energie ausreichend zur Verfügung stünden. Chemisches Recycling habe zwar ökonomische Nachteile aufgrund des hohen Aufwandes (Edukt- und Produktaufbereitung), bietet aber die potenzielle Option der Detoxifizierung von Kunststoffen und einen möglichen Beitrag zur einer Kohlenstoffautarkie, so Vogel.

Moderator Winfried Batzke und Dr. Dirk Textor, u.a. Vorsitzender des Fachverbands Kunststoff-Recycling im Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung e. V.

Worst Case und Best Case der Kunststoffversorgung

Klare Worte und Positionen zu Rezyklatfrage und zu unserem Umgang mit Kunststoff gab es im folgenden Bühneninterview mit und von Dr. Dirk Textor, der unter anderem Vorsitzender des Fachverbands Kunststoff-Recycling im Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung e. V. ist.

„Die Verpackungsbranche unterhält sich untereinander. Die Recycler unterhalten sich untereinander. Das ist Teil des Problems. Wir müssen mehr miteinander reden“, stellte Textor zum Einstieg fest, der in der Folge klar machte: „Finanziell lohnt sich das Kunststoffrecycling aus der gelben Tonne nicht. Wir müssen da jedes Jahr Geld zuschießen.“ Viel Rezyklat gehe traditionell in die Baubranche, der es allerdings aktuell schlecht gehe, was die Nachfrage belaste. „Dazu kommt, dass Neuware immer billiger wird. Der Rezyklateinsatz muss sich lohnen, sonst setzt es keiner ein. Wir könnten beispielsweise CO2 einpreisen, das würde das mechanische Rezyklat im Vergleich zu Neuware belohnen“, so Textor.

Grundsätzlich müsse man kurzlebige Kunststoffprodukte wie Verpackungen so gut designen, dass man mit dem Rezyklat Neuware substituieren könne. Dabei machte Textor einen Unterschied je nach Art des verwendeten Kunststoffes. Aus dem Rezyklat kurzlebiger Verpackungen erneut kurzlebige Verpackungen zu machen, funktioniere gut bei PET, weil das hauptsächlich in Verpackungen eingesetzt werde. Das Polypropylen (PP) aus dem Yoghurtbecher sieht Textor dagegen eher in langlebigeren Produkten der Automobilindustrie, die PP häufig einsetze. Grundsätzlich bekannt Textor: „Ich bin ein Fan davon, aus kurzlebigen Anwendungen in langlebige Anwendungen zu recyceln. Das Downcycling zu nennen, ist absurd. Ein großer Vorteil von Kunststoff ist ja, dass er langlebig ist.“  Grundsätzlich solle man Kunststoff und Kunststoffprodukte ganzheitlicher denken. „Die in den Ofen zu stecken ist Unsinn“, so Textor.

Daniel Römhild, Prokurist & Leiter Entwicklung bei WIS Kunststoffe und Daniel Nebe, Senior Manager, R&D und Packaging Development von KAO Germany

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Sichere und zuverlässige PCR-Implementierung

Daniel Römhild, Prokurist & Leiter Entwicklung bei WIS Kunststoffe und Daniel Nebe, Senior Manager, R&D und Packaging Development von KAO Germany beleuchteten in der Folge das Thema „Sichere und zuverlässige PCR-Implementierung zur Erfüllung der Vorschriften (PPWR) und der Verbrauchererwartungen“ aus ökologischer und ökonomischer Sicht.

 

Römhild stellte zum Einstieg die neuen Treiber und Notwendigkeiten vor, die sich durch die PPWR spätestens ab 2030 ergeben. Dazu gehören die Recyclingfähigkeit (ab 2030 sind alle Verpackungen mit weniger als 70 Prozent Recyclingfähigkeit verboten, ab 2028 gilt eine Quote von mindestens 80 Prozent), Rezyklateinsatzquoten (10 bis 35 Prozent ab 2030, bis zu 65 Prozent ab 2040), Mehrweg (Angebotspflicht für wiederverwendbare Verpackungen), Vermeidung und Verbote für bestimmte Verpackungsformate sowie Performance-Kriterien, Pfandsysteme (Pflichten und Mindeststandards) sowie Kennzeichnung (Harmonisierung von Trennhinweisen und Claims).

 

In der Folge gab Daniel Nebe einen detaillierten Einblick, was es zu beachten gilt, wenn man PCR sicher und zuverlässig einsetzen will. Er betonte, dass es sich dabei um ein Zusammenspiel aus Supply, Safety, Material und Performance und Design geht – und um den Konsumenten. „Wir schauen uns an, was regulatorisch gefordert ist. Dann schauen wir, was das Corporate beispielsweise mit Blick auf Minimierung und Einsparung von Kunststoff sagt. Und dann geht es nicht zuletzt auch darum, was der Kunde will. Dem einen ist es wichtig, dem anderen vollkommen egal“, so Nebe.

Der Senior Manager R&D und Packaging Development gab den Teilnehmerinnen und Teilnehmern unter dem Stichwort „Supply“ Einblicke in die aktuelle Recycling-Infrastruktur der EU, beleuchtete deren Krise mit den wesentlichen Ursachen und Herausforderungen, ging auf die Kunststoff-Wertschöpfungskette in Europa ein und nannte strategische Empfehlungen. Unter der Überschrift „Safety“ gab Nebe unter anderem fundierte Einführungen in die Sicherheitsbewertung für kosmetische Produkte am Beispiel von rHDPE, NIAS-Screening und Ames Test. Zum Thema „Material und Performance“ kamen die Auswirkungen auf mechanische Funktionsfähigkeit, Erscheinungsbild und Weiterverarbeitung sowie den Geruch zur Sprache. Mit Blick auf „Design“ ging Nebe schließlich auf Hürden und Herausforderungen wie Einschlüsse, schwarze Punkte und Kratzer ein.

Das Fazit mit Blick auf die sichere und zuverlässige PCR-Implementierung: Es braucht eine Balance zwischen Ökologie und Ökonomie. Es gilt, die Einschränkungen in der Lieferkette zu verstehen und entsprechend zu handeln. Es müssen realistische Ziele auf der Grundlage von Anwendung und Anforderung festgelegt werden. Richtlinien für recyclinggerechtes Design müssen schon in der Entwicklung mit einbezogen und individuelle Sammel- und Verarbeitungsinfrastrukturen überwacht werden. Und schließlich muss auch der Verbraucher an die Hand genommen und aufgeklärt werden.

Adrian Przybill, Packaging Expert der Beiersdorf AG

Geruchskontrolle bei PCR in Personal Care

Einen sehr facettenreichen und spannenden Einblick in die Herausforderungen beim Einsatz von Post Consumer Rezyklat (PCR) im Bereich Kosmetik und Körperpflege gab es zum Abschluss des Kunststoff-Blocks von Adrian Przybill, Packaging Expert der Beiersdorf AG.

„Wir reden über Abfall. Das muss einem klar sein. Das heißt: Wir haben auch ein Geruchsthema. Als Kosmetikfirma sind Geruch und Düfte unser tägliches Brot. Da stellt uns PCR vor besondere Herausforderungen. Unsere Verpackung muss für unsere Verbraucher sicher sein und darf die Düfte nicht verändern“, steckte Przybill gleich zu Anfang das Feld ab.

Insgesamt identifizierte der Packaging Expert neun Felder, in denen sich die Herausforderungen stellen: Sicherheit und Kontamination, Geruch, Formel und Kompatibilität, Farbe und Ästhetik, Verarbeitung, Kontinuierliche Qualität, Kosten sowie Verfügbarkeit.

Beim Thema Sicherheit wurde deutlich, dass man bei Beiersdorf jeden einzelnen Batch testet. Dabei gibt es unterschiedliche Gefahrenstufen respektive Formeltypen für PCR-Sicherheit. Das Testverfahren bleibt das gleiche, es gelten jedoch andere Grenzwerte.

Ausführlich ging Przybill auf den Geruchsaspekt ein. Hier geht das Unternehmen in drei Evaluierungsschritten vor. Der erste und einfachste Schritt ist die Geruchskontrolle auf Materialebene. „Hier sind alle Materialien vor Ort in Hamburg. Wir haben eine eigene Methode entwickelt, um den Geruch zu bewerten. Auf diesem Feld gibt es bislang einfach zu wenig. In der Automobilindustrie wird die VDA 270 genutzt, die für unsere Zwecke aber zu grob ist. Wir brauchen mehr Detailgrad. Wir bewerten einmal die Intensität und dann die Absolutheit, also die Frage, wonach es riecht“. Przybill machte deutlich, dass auch an dieser Stelle die Zusammenarbeit in der Kette eine wichtige Rolle spielt. So rede man mit den Lieferanten darüber, was man wie ändern könne, beispielsweise durch Waschen und Reinigen. Die Ergebnisse der peniblen Geruchskontrolle auf Materialebene werden gesammelt, so dass man bei Beiersdorf „inzwischen über eine große Datenbank mit Geruchswerten und Sicherheitswerten für unterschiedliche Materialien“ verfügt.

Nach der Materialebene kommt als zweiter Schritt die Produktebene ins Spiel. „Wir testen PCR und Formulierung und generieren Learnings. Welches Material funktioniert mit was?“. Es wurde deutlich, dass wie auch beim ersten Schritt das Thema Ressourcen sehr bedeutsam ist. „Es müssen viele Nasen ins Spiel kommen“, so Przybill.

Im dritten Schritt schließlich geht es um das Testen der Kompatibilität des Produkts über einen längeren Zeitraum bei erhöhter Temperatur. Da dies der aufwändigste Schritt sei, diene alles, was man vorher getan habe auch dazu, hier „schon das beste Pferd identifiziert zu haben und es jetzt testen zu können“.

Zum Abschluss gab es für das Auditorium noch einen Überblick über die Vielfalt der bereits umgesetzten PCR-Verpackungen mit rHDPE und rPP bei Flaschen, Kappen, Pumpen, Tiegeln, Deckeln, Tubenschläuchen und Sprühköpfen. Was PCR aus chemischem Recycling angeht, sagte Przybill: „Da weißt man oft nicht sicher, was da drin ist und wie es am Ende riecht. Aber es ist ein Thema, an dem wir dran sind und mit dem wir uns beschäftigen.“

Alternative Fasern: Potential oder Pleite?

Welche Möglichkeiten und Chancen alternative Fasern haben, stand im Zentrum des dritten Blocks der Dresdner Verpackungstagung 2025. Dabei wurde das Thema sowohl von der Rohstoff- als auch von der Maschinenseite aus aufgefaltet. Bei den Faserquellen standen Paludi-Fasern im Mittelpunkt. Sie stammen von Pflanzen, die in Mooren wachsen und deshalb auch unter Klimagesichtspunkten besonders interessant sind. Maschinenseitig gab es spannende Einblicke in eine hochinnovative und prämierte Möglichkeit zum Tiefziehen mit trockenen Fasern. Abgerundet wurde der Block in einer Gesprächs-Runde, die sich mit dem Potenzial alternativer Fasern unterschiedlichster Quellen für innovative Verpackungen befasste.

Dr. Clemens Kleinspehn, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Universität Greifswald – Institut für Botanik und Landschaftsökologie und Robin Huesmann, Chief Information & Innovation Officer der Leipa Group

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Innovative Fasertechnologie - Paludi-Karton / Paludi-Liner

Dr. Clemens Kleinspehn, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Universität Greifswald – Institut für Botanik und Landschaftsökologie übernahm den ersten Teil des Doppelvortrags und gab einen sehr aufschlussreichen Einblick in Paludikulturen. Er machte deutlich, dass trockengelegte Moorflächen 7,5 Prozent der jährlichen Treibhausgasemissionen in Deutschland verursachen. Konkret spreche man von 30-40 Tonnen CO2e pro Hektar und insgesamt rund 53 Millionen Tonnen CO2e. Da Moore auch weitere Positivfaktoren für die Umwelt neben ihrem Potential als Kohlenstoffsenke hätten, gebe die Verwendung von Paludi-Fasern zusätzliche Verkaufsargumente gegenüber Verbraucherinnen und Verbrauchern. Schilf und Fasern von Nasswiesen eignen sich laut Kleinspehn am besten für die Verpackungsindustrie. Er stellt klar: „Es geht um Landwirtschaft. Es geht nicht darum, unberührbare Naturflächen zu schaffen. Über CO₂-Zertifikate kann zukünftig die Klimaleistung der Wiedervernässung erfasst und damit die Wirtschaftlichkeitslücke geschlossen werden.“

Robin Huesmann, Chief Information & Innovation Officer der Leipa Group stellte in der Folge eine neu entwickelte Fasertechnologie vor, die im Rahmen der toMOORow-Initiative entstand und mit der Paludi-Karton bzw. Paludi-Liner produziert wurde. Die durch ein spezielles Aufschlussverfahren erzeugten Fasern können im Gegensatz zu anderen Einjahrespflanzen nicht nur als Füllstoff dienen, sondern die Festigkeit des Kartons deutlich erhöhen.

Huesmann und Kleinspehn warben für die Synergien der gemeinsamen Verwendung von Altpapier und Fasern aus Paludi-Biomasse. So ermögliche der Einsatz von rund 10 bis 15 Prozent durch Steam Explosion erzeugten Paludi-Fasern einen Zugewinn in den technischen Werten des Papiers, das im Übrigen aus 85 bis 90 Prozent Altpapier bestehe. Weitere Vorteile: Der Einsatz von Armierungsfasern aus Paludi-Biomasse verlängere durch Auffrischung den Faserkreislauf. Papier mit dem Zusatz von Fasern aus Paludi-Biomasse ermögliche Paperisation ohne einen größeren Forest-Footprint. Und: Beide Faserquellen seien von den Regulierungen der EUDR ausgenommen.

Dr. Tobias Beiß, Head des ILLIG Technology Center der ILLIG packaging solutions

Innovative Maschinentechnik - Dry Fiber Molding

Dr. Tobias Beiß, Head des ILLIG Technology Center der ILLIG packaging solutions präsentierte dem Auditorium die hochinnovative und mit dem Deutschen Verpackungspreis 2025 ausgezeichnete „Dry Fiber Molding“ Technologie, die neue Möglichkeiten für Verpackungen aus Naturfasern eröffnet.

 

Im Vergleich zur Verarbeitung von Nassfaser, die erst eingeweicht, dann mit Druck abgesaugt und anschließend wieder getrocknet werden muss, bevor sie in Form gebracht werden kann, spart die Verarbeitung trockener Fasern nach Darstellung von Beiß deutlich Energie und Wasser, sorgt für einen kleineren Umweltfußabdruck und schnellere Produktionsprozesse.

ILLIGs „Dry Fiber process“ besteht aus sechs Schritten: Das Füttern des trockenen Faser-Fleece als Rolle, das Zuschneiden von runden oder eckigen Stücken, die Anfertigung der tiefgezogenen Pre-Form, die Herstellung der kompakten Form, dem Entfernen der Überstände und schließlich dem Stapeln der fertigen Tiefziehformen.

Zu den Vorteilen der neuen Technologie gehören laut Beiß unter anderem die Verwendung von Rohlingen, was den Ausschuss reduziert. Da der Rohling nicht durch die Maschine transportiert werden muss, habe man eine geringere Ausfallwahrscheinlichkeit. Der modulare Aufbau der Maschine bietet einen hohen Durchsatz pro Linie und reduziert den Platzbedarf. Das Trockenfaserformverfahren ermögliche alle Verpackungsformate, die mit dem Stanz-/Matrizenverfahren hergestellt werden können. Es seien runde, rechteckige und quadratische Geometrien möglich und Verpackungsarten vom Becher über die Schale und den Deckel bis zum Blister. Besonders stolz ist man bei Illig auf die maximale Ziehtiefe von 120 mm.

Den Abschluss der Präsentation bildete das Thema Barriere. „Bei Fasermaterialien muss man eine Extrameile gehen, um daraus Verpackungsmaterialien zu machen, speziell bei Hochbarriere-Anforderungen“, sagte Beiß. Man könne diese Anforderung aktuell bereits durch Laminieren erfüllen und arbeite derzeit an Coating-Optionen.

Dr. Martin Zahel, Geschäftsbereichsleiter Fasern & Composite des PTS Institut für Fasern & Papier

Fasern statt Plastik: Was können die neuen Verpackungen?

Zum Abschluss des Themenblocks diskutierten die Referenten mit Dr. Martin Zahel, Geschäftsbereichsleiter Fasern & Composite des PTS Institut für Fasern & Papier über das Potenzial und die Grenzen faserbasierter Verpackungen. Eine der Kernaussagen von Dr. Zahel: Es kommt weniger auf die Pflanze an, aus der man die Fasern zieht, als vielmehr auf die Aufbereitung der Faser. Die Bandbreite an möglichen Rohstoffquellen ist also entsprechend breit.

Glas und Mehrweg

Mit Innovationen rund um die Glasherstellung, neuen Packstoffqualitäten und praxisnahen Einblicken in das Thema Mehrweg aus Sicht des Lebensmitteleinzelhandels startete der Tagungs-Freitag. Trotz eines intensiven, stimmungsvollen und langen Netzwerkabends am Vortag gab es vom Start weg nur wenige Lücken im Auditorium. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielten spannende Einblicke in die Technologie neuer Hybridschmelzwannen, die die Glasindustrie dekarbonisieren können, erfuhren von innovativen Möglichkeiten, Glas über eine schnelle chemische Verfestigung dünner, leichter und bruchsicher zu machen und bekamen einen differenzierten, detailreichen und undogmatischen Einblick in die Vorteile von Mehrweg und Einweg aus der Praxis des Einzelhandels.

Annelene Ilkemann, Sustainability Director, und Joris Goossens, F&E Projektmanager von Ardagh Glass Packaging Europe

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Wie die Hybridschmelzwanne die Glasindustrie dekarbonisiert

Annelene Ilkemann, Sustainability Director, und Joris Goossens, F&E Projektmanager von Ardagh Glass Packaging Europe stellten zum Start des Glas- und Mehrweg-Blocks einen beeindruckenden Fortschritt in der Behälterglasproduktion vor. Verbunden damit erhielten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen spannenden Einblick in Aufbau und Funktion von traditionellen, vollelektrischen und neuartigen Hybrid-Schmelzwannen.

 

„Es geht um Emissionen, aber auch um Wasser und Abfall“, beschrieb Ilkemann die Beweggründe von Ardagh bei der Entwicklung der innovativen „Next Gen Furnace“ Hybrid-Schmelzwanne. Ausgangspunkt war, dass aktuelle, State-of-the-art regenerative Schmelzwannen, die mit 85 bis 100 Prozent Erdgas und 0 bis 15 Prozent Strom betrieben werden und in den letzten 60 Jahren ihre CO₂/kg Glas-Emissionen um über 60 Prozent reduzieren konnten, technologisch ausgereift sind. Für noch mehr Nachhaltigkeit und einen noch geringeren Fußabdruck „war ein Durchbruch nötig“, so Ilkemann.

Goossens stellte in der Folge das vollelektrische Schmelzen vor, das hauptsächlich bedingt durch technische Einschränkungen im Zusammenhang mit der (Rohstoff)-Gemengeschicht Nachteile mit sich bringt. Dazu gehört unter anderem eine begrenzte Schmelzleistung, ein geringerer Scherbenanteil im Gemenge, eine geringere Lebensdauer der Schmelzwanne und erhöhte Aufwände bei der Instandhaltung.

Für das NextGen Furnace - Projekt kombinierte man bei Ardagh auf innovative Weise bekannte Schmelzwannen-Designelemente wie Schattenwand, beheizte Läuterbank und einen vertieften Läuterteil mit einer Matrix von 42 Bodenelektroden und einigen Design-Optimierungen.

Das Ergebnis überzeugt. Nach Angaben von Goossens zeigt die Life Cycle Analysis bzw. Ökobilanz einer in der “NextGen”-Schmelzwanne produzierten Braunglas-Flasche (330 ml / 190 g) im Vergleich zu einer Flasche aus einer konventionellen Schmelzwanne eine Reduzierung des CO2-Fußabdrucks um 69 Prozent auf 43 Gramm bei 80 Prozent elektrischer Schmelze und um 64 Prozent auf 56 Gramm bei 60 Prozent elektrischer Schmelze.

Während die kommerzielle Produktion des Braunglas mit erneuerbarem Strom bereits seit Anfang Oktober 2023 läuft, setzen Weiß- und Grünglas-Produktion im vierten Quartal 2025 ein.

Isabell Kuhl, Abteilungsverantwortliche Nachhaltige Qualität von Alnatura

Mehrwegsysteme: Wo Glas die richtige Wahl ist - und wo nicht

Isabell Kuhl, Abteilungsverantwortliche Nachhaltige Qualität von Alnatura, bereicherte die Tagung mit einem erkenntnisreichen und spannenden Einblick in das Thema Glasmehrweg. Sie beschrieb zu Anfang die Verpackungsziele des Bio-Lebensmittelhändlers, die sich an der EU-Abfallhierarchie orientieren und entsprechend die Felder Reduce, Reuse und Recycle umfassen. Das Thema Mehrweg stelle für Alnatura dabei nicht zuletzt aufgrund der Vertriebsstruktur mit 150 eigenen Märkten, getrennter Trocken- und Frischelogistik sowie Handelspartnern in 19 Ländern mit 15.000 Filialen die größte Herausforderung dar.

 

Kuhl gab in der Folge konkrete Beispiele für die drei Handlungsfelder. Beispiel Vermeidung: Wenn es darum geht, so viel Verpackung wie nötig aber so wenig wie möglich einzusetzen, „kann man tatsächlich schauen, was die Konsumenten wollen und brauchen. Der Wiederverschlussdeckel der veganen Tomatenpaste wurde eindeutig nicht vermisst“, so Kuhl. Der Verzicht auf den Deckel spare jährlich 5,5 Tonnen Material. Andere Beispiele betrafen den Verzicht auf Faltschachteln sowie unverpacktes Obst und Gemüse.

 

Übergeordnet gelte bei Alnatura als wichtige Leitlinie, dass man sich an der tatsächlichen Nachhaltigkeit orientiere und nicht an der gefühlten. Kuhl stellte die Ergebnisse eines Forschungsprojekts vor, das man gemeinsam mit den Instituten ifeu und IÖW zu Innovationen gegen Plastikabfall in der Lieferkette durchgeführt habe. Dabei wurden am Beispiel von passierten Tomaten die drei Verpackungsalternativen Einwegglas, Mehrweg-Pfandglas und Einwegverbundkarton und am Beispiel von Mandeln die Alternativen Mehrweg-Pfandglas, Einweg-Plastikbeutel und Unverpackt untersucht.

Das Ergebnis bei passierten Tomaten: „Sowohl das Mehrweg-Pfandglas als auch Einweg-Verbundkartons sind nachhaltige Verpackungen. Einwegglas sollte man dagegen meiden.“

Das Ergebnis bei Mandeln: „Am nachhaltigsten ist es, Nüsse in selbst mitgebrachten Behältern abzufüllen. Wenn das nicht geht, dann möglichst leichte Behälter mit viel Inhalt wählen, etwas dünne Plastikbeutel. Schweres Glas ergibt bei einer kleinen Menge Mandeln dagegen keinen Sinn.“

 

Als Schwierigkeit beim Einsatz der nachhaltigsten Verpackung zeigt sich nach Auskunft von Kuhl immer wieder auch die vielen Verpackungsmythen, die die Kommunikation mit Kundschaft schwierig machen. „Bio-Kunden sind gerade bei Verpackungsfrage sehr kritisch. Da ist aber auch oft viel Halbwissen unterwegs.“ Glas gelte oft pauschal als Umweltschonend und Abfallvermeidend. Der Idealweg „Wenn Glas, dann Mehrweg und als Ersatz für schwere Einwegverpackungen“, sei oft schwer zu vermitteln.

In der Folge gab Isabell Kuhl interessante Einblicke in die langjährigen Erfahrungen von Alnatura mit Glasmehrweg-Verpackungen. Viele Produkte seien in der Beziehung eingeschränkt, gerade wenn Handelspartner außerhalb Deutschlands oder auch Drogeriemärkte einbezogen seien. Lange Transportwege und ein großer Platzbedarf seien dabei entscheidende Kriterien.

Was die an sich interessante Quernutzung etablierter Mehrwegsysteme über das traditionelle Mehrwegsystem hinaus angeht, testet Alnatura beständig Neues aus. „Die Ausweitung auf andere Sortimente ist sehr herausfordernd aber niederschwellig. Man kann also gut experimentieren“, so Kuhl. Bestehende Glasmehrweg-Größen seien oft ungeeignet, weil zu groß für Produkte wie beispielsweise Mais. In anderen Fällen wie beispielsweise bei Cremes oder Passata sei die Restentleerung nicht optimal.

Zum Abschluss schilderte Isabell Kuhl positive Erfahrungen bei neuen Glas-Mehrwegsystemen für Öle (sinnvoll und vielversprechend aber kein Selbstläufer), nannte sinnvolle Einsatzgebiete für Einwegglas (bei internationalen Vertriebswegen oder bei Babyfläschchen aus Sicherheitsgründen) und adressierte das Thema Abfüllstationen, das sich gut für Trockenprodukte eigne, für die Glas-Mehrweg nicht sinnvoll sind. Bei flüssiger Kosmetik hingegen habe die Abfüllstation nicht funktioniert. Hier biete sich als Alternative feste Kosmetik an.

Michael Heidan, CEO von ReViSalt

Dünner, leichter, bruchsicher – Innovative Verfestigung von Glas

Eine spannende Innovation stellte Michael Heidan, CEO von ReViSalt, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Tagung vor. Sein 2022 gegründetes Start-up habe „einen Durchbruch bei der Glasverfestigung von ultraleichten Glasverpackungen“ erreicht. Um Glas stabiler und bruchsicherer zu bekommen, habe man es bisher dicker und schwerer machen oder chemisch verfestigen müssen. Während der eine Weg also zu mehr Materialverbrauch und damit einhergehend zu höheren Kosten und einem größeren Fußabdruck führe, benötige das chemische Verfahren bis zu 25 Stunden und ein Zeit- sowie Platzaufwändiges Batch-Verfahren mit vielen Stationen.

Die innovative Alternative von ReViSalt ist eine One-Step-Lösung, die Formung und Verfestigung in einer Linie sowie einen automatisierten, integrierten Prozess von der Schmelze zum fertigen Produkt ermöglicht. „Wir können durch unsere Technik 20 bis 30 Prozent Gewicht reduzieren bei gleichen Festigkeitswerten“, so Heidan. Das gelingt durch einen Inline-Prozess, der direkt nach der Formgebung verfestigt. Zudem sei die Technik sehr tolerant, was die verwendeten Rohstoffe angehe, so dass man auch mit schlechteren Glasqualitäten arbeiten könne.

Im Kern der Innovation steht das Kühlen der geformten Glasbehälter mit einer „Salzdusche“. Durch den Ionenaustausch gelinge hier eine schnelle chemische Verfestigung innerhalb von nur 10 bis 30 Minuten. Man erreiche einen Durchsatz von bis zu 600 Flaschen pro Minute, habe einen stabilen, wiederholbaren und skalierbaren Prozess, der hohe Qualität garantiere, könne durch die Verfestigung viel Material einsparen und das eingesetzt Salz permanent wiederverwenden. Gleichzeitig gebe es „Null Einschränkungen für die Recyclingfähigkeit und die Lebensmittelsicherheit“, so Heidan.

Aktuell überprüfe ReViSalt den Inline-Prozess erfolgreich auf einer Pilotlinie. Für den Markteintritt mit Massenproduktion und Skalierung freue man sich auf weitere Partner und Early Adopter.

Green Claims

Was Werbung mit Blick auf Green Claims versprechen darf und wie die Umsetzung in der Praxis gelingt und sich rechnet, stand zum Abschluss der Dresdner Verpackungstagung auf dem Programm. Für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung gab es deshalb nicht nur einen umfassenden juristischen Einblick mit konkreten Beispielen, sondern auch einen klaren Lösungsweg, der aufzeigte, wie eine Green Claims Erstellung in vier Schritten konform funktionieren kann.

Nicolas M. Dumont, Partner, und Dr. Jonas C. Wehleit, Senior Associate der Wirtschaftskanzlei GvW Graf von Westphalen

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Was Werbung versprechen darf

Nicolas M. Dumont, Partner, und Dr. Jonas C. Wehleit, Senior Associate der Wirtschaftskanzlei GvW Graf von Westphalen machten zu Beginn ihres äußerst informativen und mit konkreten Beispielen versehen Vortrags klar, dass das Thema Umwelt- und Nachhaltigkeitsaussagen einen festen und wichtigen Platz auf der Agenda behalten wird, auch wenn die europäische Green Claims Directive nach aktuellem Stand wohl eher nicht kommen wird. Jedoch setzen sowohl das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) in Deutschland als auch die „Empowering Consumers for the Green Transition“-Richtlinie (EmpCo) europaweit klare Leitplanken.

Beim UWG betonten Dumont und Wehleit den Aspekt der „Irreführung“, der unlauter sei. Er beinhalte falsche Aussagen über das Produkt, die Produktion oder die Umstände und schließe auch Mehrdeutigkeit ein. „Auch Laien müssen dich verstehen können und du musst einen Nachweis erbringen können“, so die Experten, die darauf hinwiesen, dass es auch Irreführung durch Unterlassung gebe. „Man darf keine wesentlichen Informationen weglassen, die für den Verbraucher wesentlich sind“, so Dumont und Wehleit.

Mit Blick auf die EmpCo stellten die Experten fest, dass es dabei viel um Verbraucherrechte gehe und die Direktive auf jeden Fall komme. In Deutschland sei mit einer Umsetzung schon vor September 2026 zu rechnen. Einer der Kernpunkte: „Man darf Begriffe wie umweltfreundlich, natürlich, biologisch, klimaneutral oder ökologisch ohne Nachweis nicht mehr verwenden. Klimaneutral bedeutet dann auch, dass es nicht mehr über den Ablasshandel mit Kompensationen laufen darf. Es muss tatsächlich eingespart werden“. Gleichzeitig müsse man beachten, dass ein Green Claim nicht für das Produkt benutzt werden darf, wenn er nicht auch auf die Verpackung zutrifft und umgekehrt.

Wichtig sei im Rahmen der EmpCo auch, dass die grundsätzlichen Fakten direkt in der Werbung bzw. auf der Verpackung zu finden sein müssen. Den Nachweis selber könne man z.B. über einen QR-Code auslagern und auf der Webseite bringen. Allein die werbende Aussage in Verbund mit einem QR-Code auf der Verpackung zu platzieren, sei dagegen nicht erlaubt. Dort müsse neben der Werbeaussage und dem QR-Code mindestens auch der grundsätzliche Beleg für die Aussagen zu finden sein.

Christoph Goeken, Founder von info.link

Green Claims in der Praxis: Wie Umsetzung gelingt und sich rechnet.

Den viel beachteten Abschluss der 35. Dresdner Verpackungstagung gestaltet Christoph Goeken, Founder von info.link. „Es geht um den Planeten – und es geht um den Profit – und es ist gar nicht so schwer“, startete Goeken und legte dar, dass 82 Prozent alle Konsumentinnen und Konsumenten Nachhaltigkeit für ein relevantes Kaufargument halten, Green Claims durchschnittlich zu einem 8 Prozentpunkte stärkeren Wachstum führen und 14 von 15 Green Claims den Absatz steigern.

In der Folge führte Goeken aus, wie sich Green Claims in vier Schritten konform einsetzen lassen. Schritt Eins: Der Green Claim selbst müsse einen tatsächlichen Umweltnutzen nennen, sich auf relevante und signifikante Wirkungen fokussieren, präzise sein, einen klaren Rahmen nennen und er dürfe nicht einer der Claim-Kategorien auf der Black-Liste entstammen. Schritt Zwei: Die Erklärung bzw. Darstellung des Green Claims müsse auf demselben Medien sein, auf dem auch der Claim zu finden ist und er müsse inhaltlich ausreichend sowie in einer verständlichen Sprache sein. Schritt Drei: Die Beweise für den Claim müssten über einen Link bzw. QR-Code auf dem Medium sein und Inhalte verlinken, die den Anspruch nachvollziehbar mit belegbaren, spezifischen und relevanten Daten belegen. Schritt Vier: Es müsse eine spezifische Verifizierung der Beweise durch unabhängige Quellen geboten werden.

Für Goeken sind digitale Labels der Schlüssel, um den Anforderungen von EmpCo, PPWR und ESPR bzw. Digitalem Produktpass zu entsprechen. Er stellte den Service seines Unternehmens vor, der es Produktmanagement-, Marketing-, Nachhaltigkeits- und Legal-Teams ermögliche, in Minuten rechtskonforme, barrierefreie und markengerechte Digital Labels für Produkte und Medien zu erstellen. So könnten passende Module und Vorlagen aus einer umfangreichen Modul-Bibliothek gewählt und individuell gestaltete Templates für Produktlinien oder Kampagnen erstellt werden. Die Verlinkung erfolge über das zukunftssichere GS1 Digital Link Format, das als QR-Code ab 2027 auch den Strichcode im Rahmen der 2D Migration ersetzen wird. Nutzer profitieren dabei nach Aussage von Goeken von einem umfangreichen Praxiswissen aus 500 Millionen digitalisierten Verpackungen.

Nachwuchs und Partner

Nachwuchs und Partner

Traditionell ist die Dresdner Verpackungstagung auch ein Ort, an dem die Profis aus der Branche den Erstkontakt zum studierenden Nachwuchs herstellen können. Auch dieses Jahr hatten wir rund 40 Studierende aus Berlin, Dresden, Hannover, Karlsruhe, Kempten, Leipzig, Stuttgart, München und Wien vor Ort. Sie konnten sich an einer Studi-Wall mit ihren Lebensläufen vorstellen und nach Praktikumsplätzen oder Themen für Masterarbeiten suchen. Gleichzeitig konnten Unternehmen auf einer eigenen Wand den Studierenden Angebote unterbreiten. Unser spezielles Networking-Angebot hat sehr gut funktioniert und es gab in den Tagungspausen und am Netzwerkabend viele gute Kontakte mit viel Potenzial für die Zukunft.

Wir bedanken uns bei unserem Premiumpartner FACHPACK und bei unserem langjährigen Partner Gerhard Schubert sowie unseren Partnern FormerFab, Jokey und WIS Kunststoffe für die tatkräftige Unterstützung und wünschen allen Stakeholdern der Branche ein frohes und entspanntes Jahresende und einen guten Start in ein gemeinsam erfolgreiches neues Jahr.

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